Rock Progressivo Italiano

Hard Rock, Prog Rock, Art Rock, Progressive Metal ...

Rock Progressivo Italiano

Beitragvon Pavlos » 28. September 2021, 19:27

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Der Rock Progressivo Italiano (RPI) entwickelte sich aus der in Italien stark ausgeprĂ€gten Beat-Szene der 60er Jahre, der Ende der 60er aufkeimenden Liedermacher-Bewegung (cantautori) und der mit dieser verbundenen Folk-Szene. Die massiven politischen und gesellschaftlichen VerĂ€nderungen jener Zeit fĂŒhrten gerade bei der jungen Generation zu einem immensen KreativitĂ€tsschub. Zahlreiche ambitionierte Musiker taten sich zusammen um ihre Gedanken, Proteste, Gedichte und Fantasien mittels einer Verschmelzung aus Rock, Psych, Jazz, Klassik und Avantgarde zu vertonen. Der Schwerpunkt lag dabei meistens auf romantisch-symphonischen, von Tasteninstrumenten dominierte Suiten, die meist in der Muttersprache vorgetragen wurden und dabei gerne auch mal das dramatische Element der italienischen Oper integrierten. Schnell fand unter den meist intellektuellen Musikern eine Art friedlicher Wettbewerb statt, wer mit dem intelligentesten Konzept, der verkopftesten Geschichte, der abgedrehtesten Fantasie punkten konnte, was widerum dafĂŒr sorgte, dass viele der damals veröffentlichten Platten anspruchsvoll, verspielt und völlig einzigartig klingen. Diese bunte Vielfalt macht den RPI, gerade in der ersten HĂ€lfte der Siebziger, zu einer der legendĂ€rsten, spannendsten und stilistisch breitesten musikalischen Bewegungen ĂŒberhaupt.

Ende der 70er, als Classic Prog gemeinhin als tot galt, verkroch sich auch der RPI in Richtung Untergrund. Zwar gab es immer wieder vereinzelte Bands, die auch in den Folgejahren musikalische Ausrufezeichen setzen konnten, aber insgesamt herrschte bzgl. hochwertiger RPI-Veröffentlichungen bis Mitte/Ende der 90er DĂŒrre. Ab Anfang der 2000er Jahre gab es ein Revival, welches einige alte Bands wieder auferstehen ließ, gleichzeitig aber auch viele neue Formationen hervorbrachte, die den alten Sound wiederbelebten.

Ich will in diesem Thread hier die Klassiker und Geheimtipps der goldenen 70er vorstellen, werde dabei aber auch Scheiben aus den Jahrzehnten danach (bis hin zu aktuellen Stoff) bringen. Ich denke, dass ich immer mehrere Alben bzw. Bands in einem Posting unterbringen werde. Keine Vorgaben, kein Konzept, einfach nur kreuz und quer, je nach Lust und Laune. Das SMB ist vielleicht nicht unbedingt der perfekte Ort fĂŒr so ein Thema, und ich erwarte wenige bis gar keine Antworten und Reaktionen (wĂŒrde mich aber natĂŒrlich mega darĂŒber freuen), aber der Prof und ich haben schon immer von so etwas getrĂ€umt, und da ich momentan in einer massiven RPI Phase stecke und extrem Bock darauf habe, mache ich das jetzt einfach mal. Außerdem zeigen die Seitenaufrufe anderer Prog-Threads (wie z.B. "obskurer Prog 1980-1985"), dass wir immer noch eine Menge stummer Mitleser haben. Ergo: Andiamo!!

Hier mal meine momentane RPI All Time Top 25:
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Re: Rock Progressivo Italiano

Beitragvon Pavlos » 28. September 2021, 19:28

Ich beginne die Reise mit drei auf immer und ewig funkelnden Essentials des RPI:

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Metamorfosi - Inferno (1973)
Eines der bedeutensten Werke des RPI, auf dem Metamorfosi aus Rom Dantes Inferno interpretieren und in den Lyrics den damals aktuellen Zeitgeist ihrer Heimat untermischen. Spielte die Band auf ihrem DebĂŒt ("...E Fu Il Sesto Giorno", 1972) noch einen eher unauffĂ€lligen Rock, der auf die kraftvolle Stimme ihres SĂ€ngers Jimmy Spitaleri zugeschnitten war, wird auf "Inferno" ein furioser, bombastischer Orgel-Prog dargeboten, der zusammen mit der stets wuchtigen und beschwörenden Stimme des SĂ€ngers ein einzigartiges, intensives Hörerlebnis formt, das zurecht zu den Meilensteinen des RPI gezĂ€hlt wird. Nachhören kann man das z.B. auf Spacciatore Di Droga. Die Band löste sich kurz nach Release der Scheibe auf, kehrte jedoch in den spĂ€ten 90ern zunĂ€chst nur fĂŒr Liveauftritte zurĂŒck, ehe sie 2004 (Paradiso) und 2016 (Purgatorio) die Studiotrilogie um Dantes göttliche Komödie vollendete.


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Museo Rosenbach - Zarathustra (1973)
Symphonic Prog mit heftiger Rock-Schlagseite. Wuchtige Mellotron-KlĂ€nge treffen hier auf knackiges Riffing, und mittendrin immer wieder sanfte Passagen mit einem SĂ€nger (Stefano Galifi), der seinen Gesang stets gekonnt der Instrumentalisierung anpasst. Seite Eins besteht aus der recht komplexen, fĂŒnfteiligen Zarathustra-Suite, Seite Zwei dann aus drei einzelnen Songs (hier mal der AchtminĂŒter Della Natura als Anspieltipp). Leider sollte es vorerst nur bei diesem einen Album bleiben, denn die Nietzsche bzw. Übermensch-Thematik und das Mussolini-Bild in der Cover-Collage wurden von vielen Kritikern als faschistoid ausgelegt. Die Band fĂŒhlte sich in die (falsche) Ecke gedrĂ€ngt und gab entmutigt auf. 2000 kam es dann in Form von "Exit" zu einem (musikalisch halbgaren) Comeback, bei dem jedoch nur noch der Schlagzeuger und der Bassist von damals dabei waren. FĂŒr "Barbarica" (2013) kam Galifi dann auch zurĂŒck und die Formkurve zeigt seitdem wieder aufwĂ€rts.


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Banco Del Mutuo Soccorso - Darwin! (1972)
LegendĂ€re Band, die gleich zu Beginn ihrer Karriere mit drei absolut famosen Platten die Messlatte fĂŒr RPI verdammt hoch setzte. Wenn ich sage, dass in den Folgejahren nur wenige Truppen bzw. Scheiben dieses Level erreichen sollten, dann meine ich das absolut ernst. Auf ihrem Zweitling "Darwin!", der ĂŒbrigens im selben Jahr wie ihr selbstbetiteltes FabeldebĂŒt erschien, vertonte die Band nichts Geringeres als die Evolution, und feurt dabei aus allen zur VerfĂŒgung stehenden Kompositionsrohren. Spannender, komplexer Stoff, der durch zwei BrĂŒder (Vittorio und Gianni Nocenzi) an den Tasten vorangetrieben wird. Wenn z.B. die Dinosaurier in La Conquista Della Posizione Eretta ihr Revier durchwandern, dann kann man aufgrund der explosiven Synthesizer-Power förmlich die Erde vibrieren spĂŒren. Neben all dem Bombast gibt es aber immer wieder lockere Einsprengsel (Folk, Klassik). Eine fantastische Band (die ĂŒbrigens immer noch aktiv ist und 2019 mit "Transiberiana" ein starkes Album veröffentlichte), von der ich im weiteren Verlauf noch die ein oder andere Scheibe vorstellen will.
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Re: Rock Progressivo Italiano

Beitragvon Pavlos » 28. September 2021, 21:46

...und hier mal drei weniger bekannte Werke aus den 70ern:

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Osanna - L'Uomo (1971)
Kulttruppe, die außerhalb Italiens leider nie so wirklich wahrgenommen wurde. Dabei ist der flötenlastige Hard Prog des DebĂŒts recht hochwertig und eingĂ€ngig komponiert. Allerdings finden sich noch viele Elemente und Passagen, die noch sehr nach dem britischen Prog (Cream, Jethro Tull) von der Insel klingen. Osanna klangen auf ihren spĂ€teren Scheiben, ich denke da ganz besonders an das jazzig-symphonische "Palepoli" (1972), weitaus eigenstĂ€ndiger und "italienischer", aber ich habe einfach einen Narren am DebĂŒt gefressen und mag es fast noch'nen Zacken mehr. Hier wird noch herrlich drauflos musiziert, nachzuhören z.B. auf dem coolen TitelstĂŒck L'Uomo. Bitte auf das kultige Video (und das Plattencover) achten und dann folgenden Sachverhalt durch den Kopf gehen lassen: Osanna spielten Anfang der 70er, so ca. zwischen Trespass und Nursery Crime, ein paar Italien Gigs mit Genesis, nach denen sich Peter Gabriel ganz offensichtlich von der Gesichtsbemalung und den langen UmhĂ€ngen und Verkleidungen Osannas beindruckt zeigte....und dies fĂŒr seine Auftritte ĂŒbernahm.


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Apoteosi - Apoteosi (1975)
Wunderschöne Keyboard-dominierte Scheibe, die mit einem fĂŒr eine Eigenproduktion Mitte der 70er erstaunlich sauberen Klang daherkommt. Apoteosi bestanden aus den drei IdĂ  Geschwistern (Federico am Bass, Massimo, der zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade einmal 14 Jahre alt war, sowie Silvana am Gesang), sowie zwei etwas Ă€lteren Musikern an Gitarre und Schlagzeug. Der zerbrechliche, ja fast schon dĂŒnne Gesang Silvanas und die Keyboardfiguren ihres Bruders Massimo sind in Kombination ein Traum. Man merkt, dass die Geschwister trotz ihres jungen Alters vorher schon jahrelang zusammen musiziert und sich aufeinander abgestimmt haben mĂŒssen. Bitte mal Prima RealtĂ  anhören und man versteht sofort, was ich meine. Von der Art her erinnert mich "Apoteosi" an das göttliche "A Time Before This" von Julian's Treatment....und vielleicht hatten die SĂŒditaliener diese Platte tatsĂ€chlich in ihrer Sammlung, wer weiß?!


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I Giganti - Terra In Bocca: Poesia Di Un Delitto (1971)
"Erde im Mund: ein Gedicht ĂŒber ein Vebrechen", so der Titel auf Deutsch, ist ein Konzeptalbum ĂŒber die Mafia. Musikalisch abwechslungsreich und flexibel daherkommend (die Songs gehen alle ineinander ĂŒber), punktet die Scheibe auch in Sachen Lyrics. Die wurden nĂ€mlich extra von einem Journalisten (mit)verfasst, der ein paar Jahre zuvor eine Reportage, sowie zahlreichen Interviews mit HĂ€ftlingen gefĂŒhrt hatte, die fĂŒr die Mafia tĂ€tig waren. Thema der Platte ist ein Mord, der tatsĂ€chlich 1936 in Sizilien stattfand, und wie die Mafia, die Beamten vor Ort, ja sogar der Staat selbst versuchten, das Geschehene zu relativieren bzw. unter den Teppich zu kehren. Die Texte werden oft aus der Sicht der Involvierten erzĂ€hlt, aber ab und an gibt es auch kritische Kommentare der Band zum Thema KriminalitĂ€t. Geplant war, das Album als eine Art Rock Opera mit Band und Schauspielern auf der BĂŒhne aufzufĂŒhren, aber aufgrund des heiklen Themas fanden sich keine Geldgeber und Veranstalter, die bereit waren, dieses "heisse" Eisen anzufassen. Hier mal Fine Lontana, Allegor Per Niente zum Antesten.
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Re: Rock Progressivo Italiano

Beitragvon lewstherin » 28. September 2021, 22:36

Klingt super Pavlos, ich freu mich darauf!! 70s Prog liebe ich mittlerweile sehr, auch wenn ich meine Zeit brauche, und aus der italienischen Szene kenne ich auch noch fast nix.
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Re: Rock Progressivo Italiano

Beitragvon Angelus_Mortiis » 29. September 2021, 11:07

Daumen hoch!

Ich befĂŒrchte nur, das Thema wird Begehrlichkeiten wecken :angry2: :lol: :lol: :lol:
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Re: Rock Progressivo Italiano

Beitragvon Pavlos » 1. Oktober 2021, 21:53

...und hier mal drei sensationelle Scheiben der Neuzeit:

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Il Tempio Delle Clessidre - Il Tempio Delle Clessidre (2010)
Mein absoluter RPI Liebling der letzten Jahre!! Symphonische Retro-Songs in glasklarem Sound, wunderschön fließende, detailreiche Kompositionen, herrlich ausbalancierte Dynamik, dolce vita in Tönen. Hört euch nur mal das betörende Insolita Parte Die Me an (die ruhige Gitarrenfigur nach dem hektischen Synthiesolo.....zum Dahinschmelzen), und ihr wißt was ich meine. Il Tempio Delle Clessidre hieß ĂŒbrigens ein Track auf der weiter oben vorgestellten "Zarathustra" Platte von Muso Rosenbach, und genau deren SĂ€nger Stefano Galifi steht auch hier hinterm Mikro. Das hatte zur Folge, dass Il Tempio Delle Clessidre in den ersten Jahren ihres Bestehens neben den Songs ihres DebĂŒts auch den 1973er Klassiker in voller LĂ€nge auffĂŒhrten. Galifi verließ die Band jedoch Ende 2012, sodass die beiden Nachfolgerscheiben (Aliennatura in 2013 und Il-Ludere in 2017, beide auch ganz toll!!) von einem anderen Frontmann eingesungen wurden.


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Conqueror - Storie Fuori Dal Tempo (2005)
Mehr dem leichtfĂŒssigen Neoprog der 80er und 90er, denn dem klassichen, eher dunkleren RPI Sound der 70er verpflichtet. Elegisch und weich, aber dadurch auch wunderbar dramatisch und melancholisch kommt die Scheibe daher, kann in den instrumentalen Passagen manchmal aber auch sĂŒdeuropĂ€isch wild die Klauen ausfahren. Am Mikro steht eine Dame, deren zarte Stimme sich prima der aktuellen Stimmung der Songs anpasst. Zu hören gibt es neben den obligatorischen Instrumenten auch Saxophon und Flöte, was dem Stoff manchmal einen folkigen Anstrich verpasst. HerzstĂŒck des Albums ist das sechsteilige, ĂŒber 30minĂŒtige Morgana, einer der tollsten Longtracks, die ich kenne. Unfassbar, wie souverĂ€n die Truppe hier mit Anspruch, Abwechslung und eingĂ€ngigen Melodien jongliert, und das ĂŒber die komplette Distanz so gestaltet, dass keine LĂ€ngen oder Fragezeichen aufkommen. Muss man als Progger gehört haben.


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Il Bacio Della Medusa - Discesa Agl'Inferni D'Un Giovane Amante (2008)
FĂŒr Viele das beste RPI Album der Neuzeit. Röhrende OrgelklĂ€nge, kratzende Gitarren, pumpende BĂ€sse, ausufernde Pianofiguren, mediterrane Flötentöne, symphonische Orchestrierung - und ich bin jetzt nur beim ersten Track. Hier wird Abwechslung groß geschrieben. Wie ein GrashĂŒpfer springt die Musik von links nach rechts, von oben nach unten, von Purple nach Tull, von Banco nach Le Orme (die ich auch bald vorstellen will). Il Bacio Della Medusa (Medusas Kuss) bewegen sich innerhalb mehrerer Stile (hier mal das instrumentale Nosce De Ipsum: La Bestia Ringhia In Noi) und erschaffen in Kombination mit dem muttersprachlichen Gesang und dem enstprechenden Drama einen gar wunderbar mundenden Coktail. Die Band bĂŒndelt die besten Elemente des alten italienischen RPI, mischt aber auch ein paar eigene Zutaten (z.B. der moderne HĂ€rtegrad) drunter. Die Songs wurden zu einer einzelnen Suite verknĂŒpft und ein Konzept, welches ich aufgrund der Sprachbarriere noch nicht entschlĂŒsseln konnte, steckt wohl auch dahinter.
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