Nichts interessiert den Sacred Metaller brennender als ein Erlebnisbericht vom Rock im Park-Festival in Nürnberg. Und diesen Wunsch werde ich, generös wie ich bin, nun erfüllen.
Donnerstag 3. Juni
So eine Art Warm Up-Tag. Es spielen nur zwei Bands. Rage Against The Machine und Sum 592, oder wie die heissen. Letztere sagen aber ab und stattdessen spielen Turbostaat (???). Not gegen Elend getauscht. Wer vielleicht aufgrund des Namens noch hofft, es könne sich wenigstens um eine Turbonegro-Kopie bzw. Tribute-Band handeln, der liegt falsch. Fürchterlichster Studenten-Punk-Pop wird geboten. Die Sorte Musik, bei der man den ganzen zukünftigen Sozialpädagogen und noch-Abiturienten ihren Echt-Hanf-Pulli über den Kopf ziehen, stattdessen eine Mülltonne drüberstülpen und mit einer Bratpfanne dagegen hauen will. Aber ich schweife ab. RATM waren sehr gut, aber ein übles Gedränge vor der Bühne und Matsch unter den Füssen. Aber egal. Super Live-Band auch wenn ich das nicht länger als 1,5 Stunden brauch.
Freitag 4. Juni
So, erst mal ein Sektfrühstück gemacht. Heute ist mit Abstand der lahmste Tag. Auf Bad Religion freu ich mich. Sonst kommt rein gar nichts. Als Headliner Rammstein. Guck ich mir rein interesshalber an. Kräfte sparen für die nächsten Tage und KISS, Motörhead, Slayer, Airbourne und die ein oder andere interessante non-Metal-Band. Oder ich betrink mich tierisch. Mal schaun. Achja, ich kann bis heute nicht verstehen, wie man auf dem RiP zelteln kann. Was siffigeres, asozialeres und nervenaufreibenderes gibt es wohl weltweit nicht. Da bekommt man schon allein vom Vorbeilaufen Hassgefühle. Gut, dass mich die Strassenbahn in 5 Minuten von meiner Wohnung bis vor die Bühne fährt. So kann man auch schnell mal heim, wenn der Ballermann-Faktor zu hoch wird. Alles in allem aber eine spaßige Freak-Show, super Wetter und noch ein Kasten Bier im Kühlschrank. Bis morgen!
Samstag 5. Juni
Kreizsakrament geht's mir schlecht. 500 Bier getrunken und 1,5 Bands gesehen. Ja is denn schon Bang Your Head!? Fürchterliches Gequetsche und Geschiebe ist das. Gut, dass der lauschige Gutmann-Biergarten in der Nähe ist. Chillen, wie wir junge Leut sagen. Was hab' ich gesehen? Auf jeden Fall Bad Religion. Die waren richtig richtig super. Ich überleg mir, ob ich da nicht auf die anstehende Tour geh. Sonst war ja nicht viel. Rammstein noch. Waren auch gut, nur glaub ich, dass der Durchschnitts-RiP-Gänger gar nicht rafft, was die da machen. In meinen Augen ist das schon ein tolles bombastisches - und inzwischen ziemlich tiefgründiges - Gesamtkunstwerk. Ein großes Theaterstück wider der deutschen Spießigkeit. Nur eben leider vor dem falschen Publikum. Das ist ungefähr so, als wenn besoffene niederbayerische Dorf-Nazis zu "Schrei nach Liebe" von den Ärzten mitgröhlen, wenn ihr versteht was ich mein.
So, heut geht's endlich richtig los. Obwohl finanziell ja schon Ende ist. Was sauf ich auch das körperwarme schaumlose Pissbier da am Gelände? Na egal, muss man eben ans Ersparte. Konsumieren für den Aufschwung. Airbourne, Slash und dann KISS aus Reihe 800 angucken. Wat freu' ich mich...

Sonntag 6. Juni (irgendwie ist das nicht richtig schlüssig mit meiner Datierung hier)
Mensch! Rock'n Roll-Tag war heute. In's viel zu enge Mötley Crüe-Shirt gequetscht, die gute Rote aussem Schrank geholt und ab zu Airbourne. Und die waren absolute Weltklasse. Hier Lichtmast hochgeklettert mit Gitarre umgeschnallt und in 20 Meter Höhe ohne Sicherung nur mit einem Fuß eingehängt ein Solo runtergezockt. Erzählungen zufolge soll er das ganze in Italien sogar kopfüber gemacht haben. Verrückt sind die. Und ziemlich gut. Bombenstimmung. Gutes Publikum. Gar nicht so baurig wie befürchtet. Dann Slash. Kam, sah und langweilte. Zumindest mich. Bin dann zufällig zur Club Stage gestolpert und habe (Achtung: bester Bandname evar!!!) "Rock Rotten's 9mm Assi Rock'n Roll" angeschaut. Haha. Das zu beschreiben würde das Forum hier sprengen. HAHA. Unglaublich. Ich lach jetzt noch. Der große Hit "Mein Vater war ein Wandersmann" ist für mich zumindest der Song des Jahres. Haha.
Naja und jetzt KISS. Meiner Meinung nach war der Paule rotzevoll. Hat unkapierbare Ansagen gemacht (was in Gottes Namen wollte er von uns?), die allesamt in's Leere liefen, schief gesungen wie Hölle (Crazy Nights und Detroit Rock City, Himmel war das schlecht) und hat des öfteren völlig orientierungslos gewirkt. Das schlug sich auch auf die Stimmung nieder, die erst ab der ersten Zugabe so richtig zum Kochen kam. Dann aber um so mehr. "Lick It Up", "Beth" (trotz Mikro-Problemen), "Shout It Out Loud", "I Was Made...", "Rock'n Roll All Night", jawoll, das waren KISS wie ich sie mag. Liebe, ernst gemeinte Worte vom Paule in Richtung Dio und das anschließende "God Gave Rock'n Roll To You" versöhnten dann für fast 1,5 Stunden Anlaufschwierigkeiten. Der beste Sänger der Band (Eric Singer) durfte leider nur zwei Lieder singen, dafür war dann aber auch Black Diamond der musikalische Höhepunkt des Abends. Objektives Fazit? Gibt's nicht. Das waren KISS und sie waren geil. Punkt. Ich bin zufrieden. Hammerknall hab ich mir geschenkt. Morgen geht's zum fabs und seinen New Black, dann zur Dicken von Gossip (ich glaube, das wird ein unerwarteter Höhepunkt) um dann mit Alice In Chains, Slayer und Motörhead abzuschließen. Jetzt muss ich in's Bett. Hab' schon meinen Frottee-Schlafanzug an.

Final Curtain
Zum Schluss isses nochmal richtig lustig geworden. Leider wegen widriger Umstände zu spät zu The New Black gekommen. Haben anscheinend auch nur ultrakurz gespielt. Naja. Dafür dann gleich rüber dur Dicken und ihren Gossip. Und für eine Pop-Band hat das schon ganz ordentlich gerockt. Ist zwar nicht jeder Song ein Hit, aber die Dame ansich ist halt schon ein Phänomen. Optisch wie stimmlich. War auch eine der wenigen Musiker(innen), die wirklich mit dem Publikum kommuniziert und vor allem interagiert hat.
So, dann erstmal sehr professionell "Alice In Chains" verpasst. Sollen richtig gut gewesen sein. Egal. Slayer. Passend zu Beginn fing's zu Regnen und Stürmen an, was ein wirklicher Segen war, da sich publikumsmäßig die Spreu vom Weizen trennte. Der Sound war verdammt gut, und es war einfach nur ein Traum, Dave Lombardo beim Trommeln zuzusehen. Unglaublich. Tja, die Setlist war durchwachsen. Viel neues Zeug. Und Tom Araya macht nicht mal mehr den Scream bei "Angel OF Death".
Zum krönenden Abschluss Motörhead. Wir schafften es bis in Reihe 3. Stimmung war super und der in den Jungbrunnen gefallene Lemmy hatte tatsächlich sowas wie Spaß. Goldig das versuchte Synchronposing mit Phil Campbell. Setlist war super. "Overkill", "Killed By Death, "Metropolis", "Going To Brazil" und natürlich "Ace Of Spades". Dazwwischen neuere und ganz neue Songs, die ich zwar nicht alle kannte, die aber trotzdem ordentlich für Stimmung geesorggt haben. Das wohl am Ring zahlreich vertretene und viel zitierte Eventpublikum konnte ich nicht wirklich ausmachen. Da standen zu 90% Motörhead-Fans vor der Bühne. Wie überhaupt schon am Samstag das Publikum angenehm rockig war. Mit Kutte stach man nicht unbedingt aus der Menge. Hab' ich mir (auch aus Erfahrung) viel viel schlimmer vorgestellt.
Sowohl Slayer wie Motörhead hatten einen Bombensound und Lemmy sah' wirklich verdammt fit aus. Wie funktioneirt das denn!? Ich war rundum zufrieden mit dem Auftritt.
Kurzes Gesamtfazit: Rage Against The Machine am Donnerstag waren gut, aber für so Gehüpfe bin ich einfach schon zu alt. Freitag war ein lahmer Tag mit einzigem Höhepunkt Bad Religion. Bei Rammstein eindeutig zu voll. Samstag der beste Tag. Airbourne waren für mich DIE Band des Festivals. Slash wirkte danach wie ein zahmer Radio-Rock-Musiker. Sorry, aber das hatte schon was von Götterdämmerung. KISS waren KISS, nicht ohne Makel dafür sehr beharrlich und über 2 Stunden lang. Sympathische Setlist, die von einem hysterischen Paul Stanley durchgekratzkreischt wurde, umrandet von lustigen und skurrilen Showeffekten (Musste immer an Raumatrouille Orion denken). Und in den letzten 45 Minuten brachten sie die Stimmung nochmal zum Brodeln obwohl bei Rage und Rammstein eindeutig mehr los war. Ist aber auch jüngeres Publikum. Naja und der Samstag war dann mit Motörhead in bestform ein krönender Abschluss, wie das Phrasenbuch so sagt. Aber die größte Überraschung für mich war das Publikum. Dieses Jahr angenehm musikinteressiert und überraschend friedlich. Nette neue Leute kennen gelernt und haufenweise KIT-Gänger gesehen.
