Savatage : Poets And Madmen

Na endlich! Michael hat zwar schon ein ziemlich treffendes Review abgeliefert, aber wer denkt, daß ich mir eine meiner absoluten Fave-Bands, die dazu nur alle paar Jahre mal mit neuem Material aus'm Quark kommt, reviewtechnisch entgehen lasse, der hat sich geschnitten! Drum ohne weiteres in medias res...

"Poets And Madmen", die elfte Studioscheibe der Florida-Metaller, präsentiert Jon Oliva & Co. aufgrund der Abgänge von Al Pitrelli (g., zu Megadeth) und Zak Stevens (voc., an den heimischen Herd) mit einer Vier-Mann-Rumpfbesetzung. Hat zunächst zu Folge, daß Chris Caffery sich erstmals in der Sava-History alleine für sämtliche Gitarren verantwortlich zeigte (OK, ein paar übriggebliebene Pitrelli-Soli gibt's wohl...) und endlich auch als als Songwriter den Platz des viel zu früh verstorbenen Criss Oliva an der Seite dessen Bruders eingenommen hat. Und, um es vorweg zu nehmen, der Mann stellt sich als DER Matchwinner schlechthin heraus. Unterstützt von der selbst für Routinier Paul O'Neill herausragenden Produktion (kristallklares Klavier, knallende Klampfen...) sägen sich seine wieder wesentlich härter als zuletzt ausgefallenen Riffs tonnenschwer ins Ohr. Im Gegenzug kommen die ruhigeren, gelegentlich akustischen Parts ("The Rumor (Jesus)") gefühlvoll rüber wie höchstens auf "Streets", und auch in der Abteilung "melodische Soli" gebe ich dem guten Chris Höchstnoten. Wenn er so weiter macht, wird er sich früher oder später endgültig aus dem übermächtigen Schatten von Criss Oliva spielen. Das Zeug dazu hat er zweifelsohne.

Und Jon Oliva? Natürlich haben wir den Mountain King schon mal stärker gehört. Der Gute hatte sich schließlich seinerzeit aufgrund von jahrelangem Stimmverschleiß von den hauptamtlichen Vocal-Duties zurückgezogen, und wie Michael schon ganz richtig erkannte - ein Song wie das fast Dr. Butcher-mäßig straight daher rockende "Awaken" wäre früher sicher noch 'ne ganze Ecke durchschlagskräftiger ausgefallen. Von ein, zwei Stellen abgesehen, in denen Jon die Höhen nicht mehr ganz so souverän wie ehedem meistert, ist seine Performance jedoch einwandfrei. Daß er ein noch 100%ig auf die technisch wesentlich stärkere Stimme von ex-Fronter Zak zugeschnittenes Monumentalwerk wie das zehnminütige "Morphine Child" derart überzeugend rüberbringen kann, sollte dafür Beweis genug sein. Ruhigere, oft an das legendäre "Streets"-Werk erinnernde Passagen wie in den mächtig gänsehauterzeugenden "The Rumor (Jesus)", "Man In The Mirror" oder der klassischen, die Scheibe abschließenden Power-Ballade "Back To A Reason" bringt er ohnehin mit melancholischem, Beatles-lastigen Flair derart intensiv über die Bühne, daß es ihm auch in hundert Jahren kein noch so technisch perfektes Sangeswunder nachmacht.

Was machen die Songs? Sind im wesentlichen klassischer Sava-Stoff, der immer mal wieder angenehm an einen der frühen Bandklassiker erinnert, dabei aber keinen der diesen zu sehr kopiert. Am ehesten liegt man in der Nachbarschaft der "Gutter Ballet"/"Streets"-Phase mit gelegentlichen Ausflügen in die letzten zwei Konzeptwerke ("Commissar", "Morphine Child"). Letztere halten sich aber ziemlich in Grenzen - erfreulich für Fans, die sich schon länger 'ne stärkere Ausrichtung am Metal gewünscht hatten; Freunde von Klassik-Metal allerdings könnten von "Poets And Madmen" vielleicht enttäuscht sein. Denen rate ich einfach mal zur letzten, sehr starken TSO-Scheibe "Beethoven's Last Night", die musikalisch viel eher als das neue Sava-Album den logischen Nachfolger der "Wake Of Magellan" darstellt. Allen anderen lege ich "Poets And Madmen" uneingeschränkt ans Herz - es ist vielleicht nicht das beste Savatage-Album aller Zeiten (dazu sind die Werke der Criss Oliva-Phase doch zu monumentale Säulen im Tempel des Stahls), aber ohne Zweifel zusammen mit Jeff Waters' neuem Annihilator-Silberling mein absolutes Highlight des noch jungen Jahres.

(Besprechung einzelner Songs spare ich mir mal, das hat Michael schon höchst ausführlich und zumeist korrekt ("The Rumor" rules, Michael!) in seinem Review abgehandelt. Und zweimal das Gleiche will doch auch keiner lesen, gell...)

(c)2001, Ernst Zeisberger 1