Immer wieder staunt man als eingefleischter Platten-/CD-Käufer daüber, was man trotz jahrelangem manischen listemachen-und–wieder-streichen seinerzeit alles verpasst hat. Hat man gerade das eine übersehene Juwel entdeckt und nachgekauft, schliessen sich schon wieder die Reihen der forgotten metal gems. Mitverantwortlich für dieses schöne Luxusproblem und die fortwährende metallische Geschichtsaufarbeitung sind die ebenso geschätzten wie gehassten Bootlegger von Hot Metal. Nein, von einem Label sollte man nicht sprechen. Ein richtiges Label bezahlt ja seine Bands, auch wenn’s meistens kaum reicht für zwei Pils und eine Currywurst.
‘Zur Sache, Schätzchen!’ Kommen wir doch: mit der US-Kapelle Dragonne erstrahlt dank HM schon wieder ein winziger, ferner Stern noch mal am Metalhimmel. Die vier Kerle um den Gitarristen Aaron Lee Appleton spielten in 1988 in Hollywood ihre einzige Mini-LP On dragon’s wings ein. Und jawohl, dieses rare Stück ist ebenso verkannt wie es hitverdächtig ist: sechs starke Heavy Metal-Songs mit Power-Anleihen, leichter von-der-Strasse-Attitüde und einem klitzekleinen White Metal-Touch in den Texten bekommt man geboten. Alle Tracks basieren auf simpel-effektiven Riffs und ebenso einfach-nachvollziehbaren Refrains. Nichts wird komplizierter gestaltet als nötig. Der heisere Gesang von Jeff Colman passt zu pumpenden Bangern wie Catch me if you can oder Heaven calls (Hit!) wie die Faust aufs Auge.
Höhepunkte dieses von Jeff Scott Soto (jawohl) anständig roh produzierten one-off-Werk sind das heavy Titelstück On Dragonne’s wings (auf dem Backcover anders buchstabiert als auf dem bunten Drachencover) und der Gassenhauer Long way. On Dragonne’s wings ist ein längeres Intstrumental, wo Gitarrist Appleton irgendwann in der Mitte so völlig ungeniert drauf los soliert, dass man meinen könnte, er wäre an einem besonders sonnigen Tag auf einer Shrapnel-Audition wild auf blutige Finger. Wir huldigen!
Und dann kommt er: der Oberknaller Long way. Kennt ihr das Gefühl, partout nicht mehr aus einem Song rauszuwollen, weil der treibende Rhythmus, der guitar crunch und die pure Heaviness einfach nur endgeil sind? All das bietet dieser Song. Wie das restliche Material der Mini-LP aufgebaut auf einem extrem simplen, superwirksamen Killerriff und tollen Gesangslinien, schreit der Song es förmlich in die Welt hinaus: ‘Ich bin des Bangers Repeattastenklassiker!’ Und Dragonne brauchten dafür keine Bob Rock-Klappstuhldrumproduktion, keine Keyboards oder Samples und – Achtung: Metal! - kein einziges Break. Genial: der Drummer hat einige kleine, äusserst effektive Variationen in seinem arschtighten Bassdrum-Spiel versteckt. Wir huldigen noch mal!
Wie mit allen guten Sachen, die man chez Hot Metal ausgegraben hat, fliesst auch hier der bekannte Wermutstropfen. Da war längst eine offizielle Dragonne-Wiederveröffentlichung fällig. Es hat aber bisher nicht sollen sein und deshalb ist diese CD in annehmbarer Bootlegqualität die einzige Alternative für alle Eighties-Nostalgiker und für Sammler die das Originalvinyl ihr Leben lang vergebens suchen werden.
