Seufzend blickte der Metallbeamte auf Formular Nummer 123-B Punkt: Reunion einer Legende. Bewertung mit Hoffnung und Nachsicht. Hmmm. Wer hat sich denn diesmal deformiert, äh, reformiert? Ach, lieber Gott, es sind Crimson Glory. Das waren doch die Commedia dell' arte-Spieler des Achtziger-Metalls, mit Maske, Midnight und Florida-Melone? Hmmm. Erstmal 'n Stempel für Empfang; was sein muss, muss sein. Jetzt ma' reinhören. Hä? Wer oder was schreit denn da? Das ist doch nicht Midnight. Also, das ist schon mal keine richtige Reunion. Bemerkung: Falsche Informationen, Band inkomplett; das heisst eine 24-S und 24-T auf Formular. Stempel. Stempel. So. Alles korrekt vermerken. Der Metallbeamte wusste nicht so recht was er mit "Astronomica" anfangen sollte. Sicher, der neue Sänger hat zwar Power, lässt aber schmerzlichst die Subtilität und die theatralische Dramatik Midnights vermissen. Anstatt Commedia dell' arte Metal geht das hier eher in Richtung köllner Volkstheater; muss nicht per Definition schlecht sein, ist aber eben nicht das was wir uns von CG 1999 A.D. vorgestellt haben. Selten, dachte der Metallbeamte, selten habe ich (ausser Maiden in der Blaze-Phase) eine Band aus der Metal-Oberliga so hilflos erlebt. Die erste Spielhälfte von "Astronomica" geht kompositorisch zwar in Ordnung (obwohl mir der doch arg farblose und monotone Gesang nur bedingt zusagt), ab "Lucifer's Hammer" kackt die Scheibe aber mächtig ab. Ja, der Beamte notierte sogar einen Vermerk 32-N für zwei Totalausfälle: "Cyberchrist" (Reiz gleich null) und "The other side of Midnight". Wie, dachte er, fassungslos den unschönen Klängen lauschend, kommt Drenning denn drauf, mit einem Mittelklasse-Sänger eine mittelmässige Midnight-Pastiche aufzunehmen? Er hat sie wohl nicht alle! Wo der Beamte recht hat, hat er recht. Es wird dem Beamten im allgemeinen ja bekanntlich viel Negatives nachgesagt; viel meckern und Kaffeetrinken und wenig produzieren und so. Aber! So geht das doch nicht, man kann doch nicht erwarten das er jeden erdenklichen Mist mit Vermerk 12-A (für Nicht-Eingeweihte: ohne weiteres) übers Büro ins edle Stahl-Archiv eingehen lässt! Der ganze UFO-Kram geht ihm, dem armen kleinen Tippex-Sklaven, voll auf den Geist. Allmählich könnte man tatsächlich meinen, Metalmusiker und -Fans kommen nie aus der Star Wars-Kindheit raus. Natürlich sollte man sich seine Phantasie so lange wie möglich aufbewahren (der Beamte selbst mag auch ab und zu gerne in einer alten Bravo-Ausgabe blättern), aber Vorstellungskraft hat doch nix mit diesem fliegenden Untertassen-Schwachsinn zu tun. Über die gute Viertelstunde UFO-Meldungen als Hidden Track hat der Beamte nur den Kopf geschüttelt, und das gar nicht in Headbang-Manier! Stempel 43-P muss her - da: überflüssiger, unmusikalischer Unfug. Aufmachung (aufwendiges Digipack) und Bonus-CD (drei '89er Live-Mitschnitte mit Midnight - erhaben und massgebend) entschädigen hier - wie immer - nicht für musikalische Defizite, sinnierte der Metalbeamte zu Recht; gib mir 'ne halbe Stunde gut produzierter, toller Power Metal in dürftiger Aufmachung OHNE Hidden Track/Bonus-CD und es gibt ein schönes, schneeweisses Formular 123-B Punkt. Mit weniger als gute Musik hat man bei mir einfach schlechte Karten; das gilt für Neueinsteiger ebenso wie für (Semi-) Legenden. Auf den ganzen Marketingscheiss (eine Erfindung der Popmusikindustrie; from plastic people for plastic people) fall ich nicht herein. That's NOT metal. Voilà: Todestempel N-0. Traurig, traurig. Und da sass der ziemlich zerschlagene Metalbeamte nun hinter seinem Büro und blickte auf das traurige Formular; keine richtige Reunion, nur eine halbe Portion Metal (wo es nach so vielen Monden eigentlich mindestens anderthalb hätte sein sollen), viel grosses Drumherum (braucht keiner) und das allerschlimmste: es war noch nicht mal Mittagspause.
Aus dem Sacred-Metal-Archiv · Power · US · True Metal
Crimson Glory: Astronomica
Historischer Originaltext. Angaben zu Veröffentlichungen, Preisen und Kontakten beziehen sich auf die damalige Zeit.
